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Ist mein Kind ein Nerd?

Spätestens seit Ausstrahlung der erfolgreichen amerikanische Sit-Com „The Big Bang Theory“ ist auch in Deutschland der Begriff „Nerd“ bekannt geworden. Die amerikanische Sprache bezeichnet damit einen meist männlichen Jugendlichen, der hingebungsvoll ein einziges häufig naturwissenschaftliches Interesse oder technisches Hobby verfolgt. Er hat wenig Freunde und wenn dann nur solche, die ähnliche Interessen haben und sich ebenso seltsam benehmen, wie er selbst. Auch wenn der Nerd an Mädchen (oder Jungen) in erotischer Hinsicht nicht uninteressiert ist, hat er keine*n Partner und scheint auch nicht danach zu suchen. Zumindest ist diese  Suche meist nicht von Erfolg gekrönt. Seine Tage und Nächte verbringt der Nerd meist allein. Das Familienleben ist ihm mit der Zeit zu einem Fremdwort geworden.

Haben Sie in dieser Beschreibung gerade ihren Sohn (oder ihre Tochter) wiedererkannt und fragen sich: Ist mein Kind ein Nerd? Dann werde Sie die folgenden Zeilen interessieren.

Nerd – Ein radikaler Individualist?

Der Begriff „Nerd“ bezeichnet allerdings nicht neutral sondern meist abfällig wertend einen Sonderling und Einzelgänger.  Ein Nerd ist damit jemand, der sich den Regeln der meinungsbildenden und  stets tonangebenden Mehrheit seiner Altersgenossen nicht unterwirft. Er kleidet sich merkwürdig und verhält sich unhöflich, weil ihm oberflächliche Kontakte wenig bedeuten. Er ist demnach ein Individualist, der nach seinen eigenen Regeln und für Interessen lebt und der die Zugehörigkeit zu einer Gruppe verachtet. Dieses wäre schon eine etwas positivere Definition.

Pubertät und Gruppenzugehörigkeit

Bei allen Geschlechtern werden die körperlichen Veränderungen der Pubertät von einer psychisch-seelischen Reifung des werdenden Erwachsenen begleitet. In ihrer Wahrnehmung wird die Welt komplexer und damit bedrohlicher. Die absolute Autorität der Eltern wird in Frage gestellt, was jedoch auch bedeutet, dass man plötzlich eigene Entscheidungen fällen muss, was zwar zunächst verlockend ist, mit deren möglichen Auswirkungen man dann jedoch auch leben muss. Der häufigst begangene Weg mit dieser Überforderung umzugehen  ist oft die völlige Unterwerfung des Einzelnen unter das Regelwerk einer Gruppe. Eine solche Peer-Group gibt direkt oder indirekt die Form und das Aussehen des richtigen Kleidungsstils, der zu hörenden Musik oder akzeptablen Verhaltens vor. Die Gruppe bestimmt direkt oder indirekt,  welche Jungen oder Mädchen als potentielle Beziehungs- oder Sexualpartner in Frage kommen und wie man sich drängenden Fragen der Schule, der Religion oder des sozialen Zusammenlebens zu stellen hat. Werden die Regeln befolgt kann der oder die Pubertierende mit der Akzeptanz und damit dem Schutz der Gruppe rechnen, Regelverstöße werden allerdings durch Diskrimierung, Ausschluss oder Mobbing geahndet.

Individualismus und Non-Konformismus

Der Nerd freilich unterwirft sich nicht  einem solchen Regelwerk, oder er erkennt es nicht als solches an, was ihn zutiefst verdächtig macht. Indem er oder sie die meist offene Machthierarchie der Gruppe nicht anerkennen, erklären sie damit den jeweiligen Mächtigen einen unausgesprochenen Krieg. Der Nerd wird auf diese Weise rasch zum willkommenen Opfer von psychischen oder körperlichen Übergriffen, da er jedoch an der Gruppenzugehörigkeit selbst kein Interesse hat, geht es zumeist allerdings als Sieger aus der Auseinandersetzung heraus und wird dadurch mehr oder weniger akzeptiert, wenn auch nicht als Teil der Gruppe.

Persönlichkeitsstile

Solange der Individualist also seinen Individualismus lebt,  besteht also zunächst wenig Grund zur Sorge. Denkbar wäre allerdings auch, dass dem Jugendlichen der Anschluss an andere Menschen körperlich und  psychisch unmöglich ist. In einem solchen Fall spricht das Psychiatrische Lehrwerk von einer so genannten Schizoiden Persönlichkeitsstörung, die jedoch erst mit Beginn des frühen Erwachsenenalters diagnostiziert werden sollte.  Ein solcher Persönlichkeitsstil, wie die existenzialistische Schule der Psychotherapie  ein solches Krankheitsbild lieber nennt, zeichnet sich ebenfalls durch die oben beschriebenen Verhaltensmerkmale aus, doch während ein Nerd seine Persönlichkeitsmerkmale nach Belieben oder Notwendigkeit zumindest in Teilen ändern kann, ist  eine solche Veränderung der schizoiden Persönlichkeit  nicht oder nur unter allergrößten Schwierigkeiten möglich und auch dieses nur mit therapeutischer Unterstützung. Ein Mensch, der einen solchen schizoiden Persönlichkeitsstil zeigt, ist nicht krank zu nennen, sondern bedarf im Alltag eventuell nur ein wenig Unterstützung, weil ihm das Verhalten seiner als normal geltenden Mitmenschen in manchen Teilen eben rätselhaft und verschlossen bleibt.

Ist Ihr  Kind also ein Nerd?

Das können nur Sie entscheiden. Wenn Sie diese Bezeichnung bevorzugen, dann handelt es sich bei ihm oder ihr auch um einen oder eine solche. Sind Sie aber auf den Individualismus, die Kreativität und den Non-Konformismus ihres Kindes stolz, vermitteln Sie ihm das doch lieber und unterstützen Sie es bei dem einen oder andern marginalen Problem. Sollte Ihr Kind allerdings jenseits des zwanzigsten Lebensjahres noch immer unter auffälliger Kontaktarmut leiden, seinen Kellerraum selten verlassen und sich auch sonst seltsam benehmen, wäre es  eventuell sinnvoll sich doch qualifizierte Hilfe suchen.

 

 

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